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Die kleinen Mäusegeschwister

Noch immer gelten Mäuse als Schädlinge und man will sie nicht. Wenn eine Maus stirbt, heißt es häufig “es war doch nur eine Maus”. Mäuse sind für viele Menschen einfach nichts wert. Aber vielleicht denkt mit dieser kleinen Geschichte der ein oder andere Mensch um.

Die Geschichte beruht aus Sicht der Menschen auf einer wahren Begebenheit. Ob es für die Mäuse wirklich so war? Wer weiß. Aber es ist vorstellbar.

Vor noch nicht allzu langer Zeit, lebten zwei kleine Mäusegeschwister in einem kleinen Ort namens Dormagen. Sie wussten natürlich nicht, dass der Ort Dormagen heißt. Sie lebten dort auf dem Feld und waren glücklich. Dieses bot häufig genug Futter und Versteckmöglichkeiten.

Aber ein Samstag verändert für die kleinen Mäusegeschwister alles. Am Ende des Tages ist nichts mehr, wie es war.

Der große Mäuserich Tim läuft mit seiner kleinen Schwester Lilly über die große Wiese, gut versteckt zwischen dem hohen Gras und den vielen Sonnenblumen. Die Geschwister lieben Sonnenblumen. Den Duft und das strahlende Gelb der Blüten. Außerdem finden sie zwischendurch immer mal einen Sonnenblumenkern, den sie gemeinsam essen.

“Fang mich doch, wenn du kannst” ruft Lilly ihrem großen Bruder zu und rennt um die Blumen herum. Immer schneller und weiter. Tim läuft ihr hinterher, wenige Zentimeter hinter ihrem Schwänzchen. Er macht einen Satz und zusammen rollen sie lachend über den Boden.

“Du wirst immer schneller, kleine Schwester”, staunt Tim, “bald kann ich dich nicht mehr so einfach einholen.” Lilly ist stolz, dass ihrem Bruder das aufgefallen ist. Sie hat von ihm alles gelernt. Sie hat von ihm gelernt, wie sie Insekten zum fressen fängt. Oder wie sie auf Bäume klettert um sich Nüsse zu pflücken. Wenige Wochen nach Lillys Geburt ist ihre Mutter aufgebrochen um Futter zu suchen aber nicht mehr zurückgekehrt. Auf Lillys Frage wo die Mama ist, hat Tim ihr geantwortet, dass Mama im Mäusehimmel ist und von oben auf sie aufpasst. Auch wenn sie das sehr traurig gemacht hat, so ist sie umso dankbarer, dass sie ihren großen Bruder Tim hat.

Vor Spaß haben die beiden Mäuse jedoch nicht mehr auf ihre Umgebung geachtet und finden sich abseits des Feldes wieder. Hier waren sie noch nie und Lilly fürchtet sich etwas in der fremden Umgebung. Aber Tim beruhigt seine Schwester, “du brauchst dir keine Sorgen machen. Wenn wir hier den kleinen Hang raufklettern, müssten wir das Feld direkt sehen und wissen dann wo wir hin müssen”, und so klettern sie zusammen den Hang hinauf. Tim ist in dem Moment froh, dass er Lilly so früh das klettern beigebracht hat. Sonst wäre es sehr schwierig zwischen den hohen Pflanzen den Weg zurück zu finden.

Mühsam machen sie sich auf den Weg nach oben. Der Berg ist anstrengender als Tim gedacht hat und es dauert auch viel länger. Vor allem Lilly hat Schwierigkeiten mit dem ungleichen Boden, so dass Tim ihr immer wieder hilft und sie stützt. Schließlich haben sie es fast geschafft. “Komm Lilly, genau, die linke Hinterpfote auf den Stein dort und dann hochschwingen”, gibt Tim die letzten Anweisungen, kurz bevor sie oben sind. Lilly ist aus der Puste. Klettern ist zwar sehr praktisch aber es strengt sie auch unglaublich an. Tim schaut sich derweilen um, um sich zu orientieren. “Schau, da hinten ist es ja, wir müssen nur noch auf der anderen Seite vom Hang runterklettern und schon sind wir wieder Zuhause.” Sie sind erleichtert. Auch Tim ist langsam wirklich müde. Seine Schwester auf dem Weg nach oben zu stützen war sehr anstrengend. Dazu kommt, dass er an einem Stein abgerutscht ist und nun eine tiefe Wunde an der Vorderpfote hat, die er vor seiner Schwester versteckt. Er möchte nicht, dass sie sich Sorgen macht und gleich sind sie ohnehin Zuhause.

So gehen sie los um den kleinen Fußweg für Menschen zu überqueren. Plötzlich verliert Tim den Boden unter den Füßen und fällt. Lilly schreit und versucht ihn noch zu fassen aber er ist zu schwer und sein Gewicht reißt Lilly mit in die Tiefe. So fallen die beiden kleinen Mäusegeschwister, schreiend vor Angst in die tiefe Dunkelheit.

“Tim, wach auf. Bitte. Ich habe ganz fürchterliche Angst” weint Lilly und stupst ihren Bruder an. Benommen öffnet Tim die Augen und sieht seine kleine Schwester vor sich. Ihr kleines graues Gesicht direkt vor ihm und ihr graues Fell durch die Tränen fast schwarz. Er merkt, dass er sich an einer Hinterpfote verletzt hat und irgendwo im Körper tut es weh. Er weiß nicht was das genau ist oder wo der Schmerz herkommt aber ihm ist klar, dass das nichts Gutes bedeuten kann. Aber trotzdem will er für seine kleine Schwester stark sein. Er muss sie irgendwie hier raus kriegen.

“Hör mir zu. Du musst hier raus klettern Lilly. Geh schonmal vor, ich muss mich noch ein kleines bisschen ausruhen und komme dann gleich nach.” In dem Moment wird Lilly etwas klar. Ihr großer Bruder lügt sie an. Wenn er sie anlügt, dann muss es wirklich schlimm sein. Sie sieht sich ihren Bruder genauer an. Seine Vorderpfote blutverschmiert, seine Hinterpfote steht in einem komischen Winkel ab. Ihr wird bewusst, dass Tim es so niemals hier raus schafft. Und sie wird nicht ohne ihn gehen. Ihr Leben lang war Tim immer für sie da, hat ihr alles beigebracht. Als sie einen Splitter in der Pfote hatte, hat er ihr den vorsichtig rausgezogen und die Pfote verbunden, damit sie sich nicht entzündet. Jetzt wird es Zeit, dass sie sich revanchiert und sich und ihren Bruder aus diesem dunklen Loch rausholt.

Sie schaut sich das erste Mal richtig um. Tim steht am Rand der Bewusstlosigkeit. Viele Möglichkeiten hat sie nicht. Ungefähr 10 Mäuselängen über ihr kann sie den Himmel hinter dicken Metallstriemen sehen. Vielleicht können sie die Wände hinaufklettern. Lilly versucht es aber die Oberfläche ist zu glatt und bietet keinen Halt. Dazu ist die Oberfläche viel zu hart, so dass sie ihre Krallen nicht hineingraben können um Halt zu finden. Sie schnüffelt in dem kleinen Loch und riecht Abwasser. Dieses muss aber weiter unter ihnen sein, weil hier wo sie sitzen, ist es trocken. An den Seiten befinden sich längliche Schlitze. Vielleicht können sie sich klein machen und mit drücken und ziehen durch die Schlitze entkommen. Wenn es weiter unten Wasser gibt, muss dieses schließlich irgendwann wieder an die Oberfläche kommen und dann wären sie frei. Das wäre natürlich ein sehr langer und anstrengender Weg aber eine andere Möglichkeit sieht Lilly nicht.

Lilly beäugt die Schlitze. Die Pfoten passen durch und auch die Nase kriegt sie durchgeschoben. Tim redet währenddessen auf sie ein, dass sie versuchen soll an der Wand hochzuklettern und gehen soll. Aber das sieht sie nicht ein. Sie schiebt ihre Nase durch einen Schlitz und fängt an zu knabbern. Sie muss den Schlitz nur um wenige Millimeter vergrößern und dann können ihr Bruder und sie durch. Tim schleppt sich zu Lilly und hält ihre Pfote, “du musst mir jetzt gut zuhören kleine Schwester. Du musst nach oben klettern. Geh und bringe dich in Sicherheit! Ich habe alles erreicht, was ich wollte. Ich habe dich auf das Leben vorbereitet und dir alles mitgegeben was du brauchst. Aber du musst gehen, damit du leben kannst. Ich schaffe es hier nicht raus. Meine Hinterpfote ist gebrochen, meine Vorderpfote ist dick angeschwollen und pocht. Ich habe überall Schmerzen. Ich schaffe es nicht hier raus. Aber das ist okay kleine Schwester. Ich gehe zu Mama und zusammen passen wir von oben auf dich auf.” Mit diesen Worten nimmt er seine Schwester in den Arm und zusammen weinen sie. Lilly, weil sie weiß, dass sie ihren Bruder nicht hier rausholen kann. Sie würde es nicht mal alleine hier raus schaffen und mit ihm zusammen sowieso nicht. Tim weint, weil er seine Schwester alleine lassen muss.

Plötzlich hören sie von oben eine junge Mädchenstimme. Sie schaut von oben in das tiefe schwarze Loch und erblickt die beiden Mäusegeschwister eng umschlungen. Sie zögert nicht lange und will den Geschwistern helfen. Verzweifelt versucht sie das Gitter oben abzubekommen aber sie schafft es nicht. Es sitzt zu fest und ist zu schwer. Das Mädchen redet auf die beiden Geschwister ein, dass sie sich was einfallen lässt. Aber es stößt an ihre Grenzen und weiß nicht, wie sie die beiden Mäuse rausholen soll. Schließlich kommt eine Frau dazu. Sie überlegen wen sie anrufen sollen oder wer helfen kann. Aber alle sagen “es sind doch nur Mäuse. Für Mäuse kommt niemand raus, das sind Schädlinge.”

Lilly versteht nicht, wieso sie und ihr Bruder Schädlinge sind. Sie wurden geboren ohne gefragt zu werden ob sie das wollen. Nun sind sie auf dieser Welt und versuchen doch nur zu überleben, wie alle anderen Lebewesen auch. Sie können nicht einfach in den Supermarkt gehen und ihre Lebensmittel dort kaufen. Sie müssen nehmen, was sie auf den Feldern finden. Im Gegenteil zu den Menschen nehmen sie sich jedoch wirklich nur das, was sie zum Leben brauchen. Nicht mehr. Sie zerstören ihre Umwelt nicht und leben im Einklang mit der Natur.

Lilly versucht Tim dazu zu animieren noch ein bisschen durchzuhalten. Die zwei Menschen werden ihnen bestimmt helfen. Sie sind nicht vorbei gegangen wie die anderen Menschen zuvor. Aber Tim ist realistisch. Für ihn gibt es keine Rettung mehr. Ihm ist es nur wichtig, dass seine Schwester gerettet wird.

Nach einiger Zeit wird von oben ein langer Stock nach unten gereicht. Tim versucht Lilly dorthin zu schieben. Sie soll sich festhalten und die Menschen ziehen sie rauf. “Bitte Lilly, tu es für mich. Halt dich gut fest, ja genau so. Die Menschen ziehen dich hier raus und dann läufst du zum Feld, so schnell du kannst und schaust nicht zurück. Versprich es mir”, verlangt Tim. Unter tränen nickt Lilly und langsam wird sie hochgezogen. Aber sie kann ihren Bruder nicht alleine lassen. Sie lässt sich fallen und wirft sich in die Arme ihres Bruders. “Ich kann dich doch nicht alleine lassen Tim. Wenn du dich mit den gesunden Pfoten fest hältst und ich dich von unten stütze, vielleicht schaffen sie es uns beide raus zu holen.” Sanft streicht Tim seiner Schwester über die Wange und schaut ihr tief in die Augen. “Lilly, die Zeit auf Erden ist für uns alle begrenzt. Die einen haben mehr Zeit, die anderen haben weniger Zeit. Ja, es ist unfair. Aber für uns alle tickt die Uhr. Meine Zeit ist abgelaufen aber du hast noch so viel vor dir. Nutz sie gut kleine Schwester. Und denk dran, Mama und ich passen von oben immer auf dich auf und sind immer bei dir. Ich liebe dich.” Mit diesen Worten schiebt er seine Schwester zum Stock und sie hält sich widerwillig daran fest. Auf dem Weg nach oben ruft sie zu ihrem Bruder, “ich liebe dich auch Tim. Ich werde dich nicht enttäuschen”. Mit diesen Worten verliert Tim sie aus den Augen. Oben läuft Lilly sofort los, wie sie es ihrem Bruder versprochen hat. Sie rennt den Hang auf der anderen Seite hinunter Richtung Feld. Sie schaut nicht mehr zurück und der Wind trocknet ihr Fell, dass von den Tränen ganz nass ist.

Tim ist so froh, dass seine Schwester in Sicherheit ist. Sie wird ein schönes Leben vor sich haben, das ist das Wichtigste für ihn.

Die Menschen versuchen noch einige Zeit ihn rauszuholen. Er denkt sich, vielleicht ist die Menschheit doch noch nicht verloren, solange es wenigstens ein paar wenige Menschen gibt, die sich auch um das Leben von zwei kleinen Mäusen sorgen.

Schließlich müssen die Menschen einsehen, dass sie Tim nicht rausholen können. Er ist zu schwach. Aber sie lassen ihn nicht ohne Hoffnung zurück. Sie werfen ihm etwas zu essen zu und bauen ihm mit einem Stock eine Möglichkeit nach oben zu klettern. Schließlich wenden sie sich mit Tränen in den Augen ab und lassen ihn zurück. Sie wissen nicht, dass er zu schwer verletzt ist und auch nach einer Mahlzeit nicht stark genug ist, um alleine rausklettern zu können.

Das letzte was Tim sieht, ist das helle leuchten einer wunderschönen Sonnenblume. Mit dem Gedanken daran, wie er mit Lilly noch am Morgen zwischen den Sonnenblumen hergejagt ist, schließt er die Augen und schläft für immer ein.

Photo by Nick Fewings on Unsplash

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